
Es gibt Künstlerinnen, deren Werk leise wirkt – und doch die Wahrnehmung eines ganzen Mediums verändert.
Anni Albers gehört zu ihnen.
Geboren 1899 in Berlin, kam sie 1922 an das Bauhaus in Weimar. Wie viele Frauen ihrer Generation wurde sie zunächst in die Weberei-Werkstatt verwiesen – nicht aus freier Wahl, sondern aus struktureller Begrenzung. Gerade dort jedoch entwickelte sie eine Haltung, die das Textile aus der Sphäre des bloßen Handwerks in die Moderne führte.
Die Weberei am Bauhaus als Labor der Moderne
Nach der Grundausbildung trat Anni Albers 1923 in die Webereiwerkstatt ein, publizierte bereits 1924 erste Texte zur Weberei und entwickelte sich rasch zu einer der prägenden Gestalterinnen der Werkstatt. Darüber hinaus übernahm sie 1929 interimistisch ihre Leitung.
In der Bauhaus-Weberei entstand eine neue Auffassung von Material und Form: Neben klassischen Garnen wurden zudem auch unkonventionelle Werkstoffe eingesetzt – experimentell, offen, radikal zeitgenössisch. Mit der Erweiterung des Materials entstand zugleich eine neue formale Freiheit. Fäden dienten nicht länger als Träger von Ornament. Sie wurden selbst zum konstruktiven Prinzip. Zu Bausteinen einer eigenständigen, abstrakten Bildsprache, entwickelt aus der Logik von Kette und Schuss. So war die Bauhaus-Weberei kein Nebenfach – sie war Handweberei als Labor der Moderne.
Anni Albers experimentierte mit Baumwolle, Leinen, Zellophan und metallischen Garnen. Sie dachte in Struktur, Rhythmus, Lichtdurchlässigkeit. Ihre Stoffe waren nicht nur Wandbehänge – vielmehr wurden sie zu architektonischen Elementen, zu akustischen Lösungen, zu Raumgestaltern.
Für ihre Diplomarbeit, einen Wandbehang für die Gewerkschaftsschule in Bernau, entwickelte sie einen neuartigen Stoff aus Baumwolle und Cellophan mit schalldämmenden und lichtreflektierenden Eigenschaften.



Wenn Fäden ihre eigene Form finden
Die Bildwebereien von Anni Albers sind abstrakt, gelegentlich mit leisen gegenständlichen Anklängen. Sie sind vom Unterricht bei Klee und Kandinsky geprägt und zugleich konsequent aus der Webtechnik selbst gedacht. Von Beginn an bezog sie sich in der formalen Gestaltung auf die Möglichkeiten, die der Webtechnik selbst zugrunde liegen: den Einsatz farbiger Ketten, die Kombination verschiedener Techniken und Bindungen sowie die bewusste Einbeziehung von Haptik und Textur als Gestaltungsmittel.
In der Suche nach einer werkgerechten künstlerischen Sprache formulierte sie einen klaren Anspruch. Die Textilkünstlerin wollte
„die Fäden sich wieder selbst ausdrücken und ihre eigene Form finden zu lassen, mit keinem anderen Ziel als der eigenen Orchestrierung, damit man sie betrachtet, statt auf ihnen zu sitzen oder zu gehen.“11



Emigration und Black Mountain College
Nach der Schließung des Bauhauses emigrierte sie 1933 mit ihrem Mann Josef Albers in die USA. Am Black Mountain College in North Carolina lehrte sie, verbreitete zudem den Bauhausgedanken weiter und prägte schließlich in den 1960er-Jahren eine junge Generation von Textilkünstlerinnen und -künstlern der sogenannten Fiber Art.
Ihre Reisen nach Mexiko vertieften ihr Interesse an präkolumbianischen Textilien. Dort fand sie eine kulturelle Selbstverständlichkeit des Webens, die sie in Europa vermisst hatte: Textile Arbeiten als Träger von Bedeutung, Symbolik und Wissen.
1949 erhielt Anni Albers als erste Textilkünstlerin eine Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York – ein entscheidender Schritt für die Anerkennung der Textilkunst im Kontext der Moderne.
Resonanz in meiner Handweberei
Was mich an Anni Albers bis heute berührt, ist nicht allein ihre historische Bedeutung. Es ist ihre Haltung.
Das Denken aus der Struktur.
Das Vertrauen in Material und Bindung.
Die Überzeugung, dass textile Fläche kein Träger ist – sondern Bildraum.

Auch in meiner eigenen Handweberei wie etwa dem Wandbehang „Grüße an Thonet“ beginne ich nicht mit einem Motiv, das über das Gewebe gelegt wird. Sondern ich beginne mit Fäden. Darüber hinaus mit Spannung, Rhythmus, Wiederholung. Und mit der Frage, was das Material selbst erzählen möchte. Diese Haltung prägt auch meine Kollektion.
Wenn ich an einem Wandbehang arbeite, interessiert mich – wie bei Albers – nicht das Dekorative. Mich interessiert die Fläche als Resonanzraum: Licht, Textur, Verdichtung, Ruhe.
In der Moderne trat die abstrakte Textilkunst für einen Moment ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Meine Handweberei führt diesen Gedanken weiter – leise, konzentriert, mit luxuriöser Detailverarbeitung und feinsten Garnen, die ihre eigene Präsenz entfalten dürfen.
Vielleicht ist das die tiefste Verbindung:
Die Fäden sprechen.
Weitere Einblicke in meine eigene Handweberei finden Sie in der Rubrik:
Bildnachweise: Historische Fotografien (1920er Jahre) und Entwurfsstudien via Wikimedia Commons. Public Domain (PD-old bzw. Public Domain Mark, USA).
- Zit. n. Coxon, Anna [u. a.] [Hg.], Anni Albers, Ausst.-Kat. Düsseldorf/London (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 2018/Tate Modern 2018-2019), München 2018, 13 ↩︎

